Bachkantaten in der Predigerkirche
 
 
Johann Hermann Schein, Cantional I, Leipzig 1627
Am tage Mariae Heimsuchung

Magnificat Mariae / Luc. I
(Übersetzung: Martin Luther)

Meine Seele erhebt den Herrn
und mein Geist freuet sich Gottes meines Heilandes.

Denn er hat seine elende Magd angesehen
Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskind.

Denn er hat grosse Ding an mir getan
der da mächtig ist, und des Namen heilig ist.

Und seine Barmherzigkeit währet immer für und für
bei denen, die ihn fürchten.

Er übet Gewalt mit seinem Arm/
und zerstreuet die hoffärtig sind in ihres Herzen Sinn.

Er stösset die Gewaltigen vom Stuhl
und erhebt die Niedrigen.

Die Hungerigen füllet er mit Gütern,
und lässet die Reichen leer.

Er denket der Barmherzigkeit
und hilft seinem Diener Israel auf.

Wie er geredt hat unsern Vätern
Abraham und seinem Samen ewiglich.

Lob und Preis sei Gott dem Vater und dem Sohn
und dem heiligen Geist.

Wie es war im Anfang, itzt und immerdar
und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen

 

 
BWV 10
Meine Seel erhebt den Herren

Besetzung: Soli: S A T B, Coro: S A T B, Tromba, Hautbois I/II, Violino I/II, Viola, Continuo
Erstaufführung: 2. Juli 1724
Text: 1, 5: Lukas 1,46-55; 2-4, 6: Umdichtung eines unbekannten Bearbeiters
Anlass: Mariae Heimsuchung (2. Juli)

1. (Coro)
Tromba, Hautbois I/II, Violino I/II, Viola, Continuo
Meine Seel erhebt den Herren,
Und mein Geist freuet sich Gottes, meines Heilandes;
Denn er hat seine elende Magd angesehen.
Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskind.

2. Aria S
Hautbois I/II all' unisono, Violino I/II, Viola, Continuo
Herr, der du stark und mächtig bist,
Gott, dessen Name heilig ist,
Wie wunderbar sind deine Werke!
    Du siehest mich Elenden an,
    Du hast an mir so viel getan,
    Dass ich nicht alles zähl und merke.

3. Recitativo T
Continuo
Des Höchsten Güt und Treu
Wird alle Morgen neu
Und währet immer für und für
Bei denen, die allhier
Auf seine Hilfe schaun
Und ihm in wahrer Furcht vertraun.
Hingegen übt er auch Gewalt
Mit seinem Arm
An denen, welche weder kalt
Noch warm
Im Glauben und im Lieben sein;
Die nacket, bloß und blind,
Die voller Stolz und Hoffart sind,
Will seine Hand wie Spreu zerstreun.

4. Aria B
Continuo
Gewaltige stößt Gott vom Stuhl
Hinunter in den Schwefelpfuhl;
Die Niedern pflegt Gott zu erhöhen,
Dass sie wie Stern am Himmel stehen.
Die Reichen lässt Gott bloß und leer,
Die Hungrigen füllt er mit Gaben,
Dass sie auf seinem Gnadenmeer
Stets Reichtum und die Fülle haben.

5. Duetto (e Choral) A T
Tromba e Hautbois I/II all' unisono, Continuo
Er denket der Barmherzigkeit
Und hilft seinem Diener Israel auf.

6. Recitativo T
Violino I/II, Viola, Continuo
Was Gott den Vätern alter Zeiten
Geredet und verheißen hat,
Erfüllt er auch im Werk und in der Tat.
Was Gott dem Abraham,
Als er zu ihm in seine Hütten kam,
Versprochen und geschworen,
Ist, da die Zeit erfüllet war, geschehen.
Sein Same musste sich so sehr
Wie Sand am Meer
Und Stern am Firmament ausbreiten,
Der Heiland ward geboren,
Das ewge Wort ließ sich im Fleische sehen,
Das menschliche Geschlecht von Tod und allem Bösen
Und von des Satans Sklaverei
Aus lauter Liebe zu erlösen;
Drum bleibt's darbei,
Dass Gottes Wort voll Gnad und Wahrheit sei.

7. Choral
Violino I e Hautbois I/II e Tromba col Soprano, Violino II coll'Alto, Viola col Tenore, Continuo
Lob und Preis sei Gott dem Vater und dem Sohn
Und dem Heilgen Geiste,
Wie es war im Anfang, jetzt und immerdar
Und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen

 
 
BWV 9
Es ist das Heil uns kommen her

Besetzung: Soli: S A T B, Coro: S A T B, Traversa, Hautbois d'amour, Violino I/II, Viola, Continuo
Erstaufführung: 1731/35
Text: 1,7: Paul Speratus 1523; 2-6: unbekannter Dichter
Anlass: 6. Sonntag nach Trinitatis

1. (Coro)
Traversa, Hautbois d'amour, Violino I/II, Viola, Continuo
Es ist das Heil uns kommen her
Von Gnad und lauter Güte.
Die Werk, die helfen nimmermehr,
Sie mögen nicht behüten.
Der Glaub sieht Jesum Christum an,
Der hat g'nug für uns all getan,
Er ist der Mittler worden.

2. Recitativo B
Continuo
Gott gab uns ein Gesetz, doch waren wir zu schwach,
Dass wir es hätten halten können.
Wir gingen nur den Sünden nach,
Kein Mensch war fromm zu nennen;
Der Geist blieb an dem Fleische kleben
Und wagte nicht zu widerstreben.
Wir sollten in Gesetze gehn
Und dort als wie in einem Spiegel sehn,
Wie unsere Natur unartig sei;
Und dennoch blieben wir dabei.
Aus eigner Kraft wo niemand fähig,
Der Sünden Unart zu verlassen,
Er möcht auch alle Kraft zusammenfassen.

3. Aria T
Violino solo, Continuo
Wir waren schon zu tief gesunken,
Der Abgrund schluckt uns völlig ein,
    Die Tiefe drohte schon den Tod,
    Und dennoch konnt in solcher Not
    Uns keine Hand behilflich sein.

4. Recitativo B
Continuo
Doch musste das Gesetz erfüllet werden;
Deswegen kam das Heil der Erden,
Des Höchsten Sohn, der hat es selbst erfüllt
Und seines Vaters Zorn gestillt.
Durch sein unschuldig Sterben
Ließ er uns Hilf erwerben.
Wer nun demselben traut,
Wer auf sein Leiden baut,
Der gehet nicht verloren.
Der Himmel ist für den erkoren,
Der wahren Glauben mit sich bringt
Und fest um Jesu Arme schlingt.

5. Aria (Duetto) S A
Traversa, Hautbois d'amour, Continuo
Herr, du siehst statt guter Werke
Auf des Herzens Glaubensstärke,
Nur den Glauben nimmst du an.
    Nur der Glaube macht gerecht,
    Alles andre scheint zu schlecht,
    Als dass es uns helfen kann.

6. Recitativo B
Continuo
Wenn wir die Sünd aus dem Gesetz erkennen,
So schlägt es das Gewissen nieder;
Doch ist das unser Trost zu nennen,
Dass wir im Evangelio
Gleich wieder froh
Und freudig werden:
Dies stärket unsern Glauben wieder.
Drauf hoffen wir der Zeit,
Die Gottes Gütigkeit
Uns zugesaget hat,
Doch aber auch aus weisem Rat
Die Stunde uns verschwiegen.
Jedoch, wir lassen uns begnügen,
Er weiß es, wenn es nötig ist,
Und brauchet keine List
An uns; wir dürfen auf ihn bauen
Und ihm allein vertrauen.

7. Choral
Violino I e Traversa in octava e Hautbois d'amour col Soprano, Violino II coll'Alto, Viola col Tenore, Continuo
Ob sichs anließ, als wollt er nicht,
Laß dich es nicht erschrecken;
Denn wo er ist am besten mit,
Da will ers nicht entdecken.
Sein Wort lass dir gewisser sein,
Und ob dein Herz spräch lauter Nein,
So lass doch dir nicht grauen.

 

 

Texte mit freundlicher Genehmigung übernommen von der Website
The Bach Cantatas (Walter F. Bischof)